Ich bin Aktmodell. Was heißt das für mich?

Ich bin Aktmodell

Was macht dieses Thema eigentlich so sensibel, obwohl es hier nur um die natürlichste Sache der Welt geht: den unbekleideten, menschlichen Körper? Wir alle sagen hin und wieder auch „nackt“ dazu.  Warum trauen sich so wenige, sich einfach mal in ihrer Reinform ablichten zu lassen? Vielleicht, weil viele noch nie ein wirklich ästhetisches Aktportrait gesehen haben oder ihnen dabei nur Erotik-Magazine mit gewissen Absichten in den Sinn kommen. Und dann sind da noch Menschen wie ich, die manchmal so „freizügig“ vor der Kamera posieren. Wie ist das eigentlich für mich?*

Bevor ich für Aktaufnahmen zusage, stehen ein paar Überlegungen an erster Stelle. Sehe ich eine Ästhetik im Portfolio des Fotografen? Erfolgt die Kommunikation mit Sympathie und völlig reibungslos oder muss ich meinem Gegenüber alles aus der Nase ziehen? Würde ich mich irgendwann für diese Bilder ein wenig schämen, wenn sie nicht mehr der Qualität meiner Sedcard entsprechen? Das Internet vergisst schließlich nicht so schnell. Und zu guter Letzt: Passt der Stil überhaupt zu mir und meinem Portfolio? – Denn ich liebe natürliche, ehrliche Aktaufnahmen, die teilweise sogar Nacktheit perfekt integrieren können, sodass sie schon fast in den Hintergrund gerät. Ohne überzogene Erotik. 

Ich bin Aktmodell
(c) 2015 Schallkoerper Fotografie

Aktfotografie ist vielmehr ein Gefühl

Selbstverständlich ist diese Natürlichkeit auch irgendwie erotisch. Schließlich stehen hier sowohl Äußerlichkeiten, als auch die Persönlichkeit in Reinform im Vordergrund. Es gibt keine Kleidung, die ablenkt. Nur den Menschen, mit Charakter, Ehrlichkeit und Selbstbewusstsein. Dadurch äußert sich jedoch eine ganz besondere Form der Erotik. Aktfotografie ist für mich vielmehr ein Gefühl, das aus Empathie und Vertrauen entsteht.

Das Gefühl, sich vor einem „Fremden“ auszuziehen

Zugegeben, diese Momente sind anfangs immer etwas speziell. Vielleicht ist es ein flüchtiger Augenblick der Schutzlosigkeit, den ich spüre, aber exakt beschreiben kann ich es nicht. Falls kein Badezimmer zum Umkleiden in der Nähe ist und die Fotos im Wald entstehen, drehen sich die Fotografen immer weg und tüdeln sowieso bereits an ihrer Kamera herum oder quatschen mit mir. Ich schätze diese „letzten“ Momente der Privatsphäre sehr. Dass zwischenzeitlich miteinander gesprochen wird, ist sowieso ein absolutes Muss, weil sich beide Parteien dadurch viel wohler fühlen.

Ich bin Aktmodell
(c) 2016 Schallkoerper Fotografie

Familie und Freunde

Ob meine Familie davon weiß? Nicht wirklich. Ich finde tatsächlich auch keine Gründe, ihnen davon zu erzählen. Ich bin sehr froh darüber, einen sehr offenen Freundeskreis zu haben, der alles positiv verfolgt und mich auch nicht für die Fotos mit weniger oder gar keinen Klamotten verurteilt. Selbst bei anfangs flüchtigen Bekanntschaften haben sich dadurch schon sehr offene Gespräche entwickelt, in denen es häufig um das Selbstbewusstsein ging. Und mein Freund? Er unterstützt und wertschätzt dieses Hobby. Dieses Vertrauen gibt mir unwahrscheinlich viel Rückhalt und Mut, weiterzumachen. Die Fotografen, die schon Bilder wegen eifersüchtiger Freunde löschen mussten, verstehen sicher, wovon ich rede.

Ein paar Ratschläge von Model zu Model…

Körperspannung und -haltung
Ohne Körperspannung ist ein Bild wie im Titel oben gar nicht möglich. Der Rücken wird zum Hohlkreuz durchgedrückt, der Rumpf angespannt, die Füße durchgestreckt und die Arme und Beine müssen zugunsten des Motivs ausgerichtet werden. In dieser Spannung müssen viele Posen oft über mehrere Minuten lang gehalten oder leicht verändert werden. Dadurch wird das Bild wesentlich lebendiger.

Bequeme Kleidung
Trage bequeme Kleidung, damit sich keine Druckstellen abzeichnen. Wenn du auf dem Weg zum Shooting ungern auf deinen BH verzichten möchtest, kannst du ihn kurz vor den Aufnahmen lösen, damit sich deine Haut wieder entspannt.

Kommunikation
Sei offen und trau dich, darüber zu sprechen, wenn du eine Pause brauchst oder dich unwohl fühlst. Das kann sowohl die Gesamtsituation, als auch eine unangenehme Pose sein.

Model-Release
Mit einem TfP-Vertrag gibst du dem Fotografen dein Einverständnis, dass er die Bilder zu Werbezwecken online stellen darf. Überlege dir vorher bitte genau, mit wem du Aktaufnahmen machst (Qualität und Ästhetik!) und ob sie dich in irgendeiner Form beeinflussen könnten. Beruflich ist es deine Privatsache, sobald es jedoch um Jobs mit Kindern geht, ist das leider oft eine andere Realität. Andernfalls solltest du vielleicht lieber den Fotografen bezahlen, damit du die Bilder ausschließlich privat nutzen kannst. Dieser Vertrag untersagt überlicherweise auch eine Nutzung auf pornografischen Webseiten.

Das Lied vom Selbstbewusstsein und dem eigenen Körpergefühl
Eine Never-Ending-Story. Und doch so wichtig. Ich weiß, es fällt nicht leicht, sich immer gut und schön zu fühlen. Bei mir ist das manchmal auch ein mehr oder weniger zufriedener Zustand und leider wird eine tief verwurzelte Unzufriedenheit nicht in jedem Fall durch das Model-Dasein verbessert. Das anfänglich gepushte Selbstbewusstsein kann irgendwann leichte Risse bekommen und all diese Einflüsse der vermeintlichen Perfektion und Vergleiche mit anderen erdrücken dich. Lass es nicht dazu kommen. Versuche, eine gesunde Haltung zu deinem Körper zu bekommen, sei ehrlich zu dir selbst und erkenne, was dich und deinen Körper ausmacht. Ich erfuhr dies nach den ersten Aktaufnahmen. Du musst deinen Körper nicht perfekt finden, aber wenn du ihn verstehst, läuft das Shooting schon fast von selbst.

Ich bin Aktmodell
(c) 2015 Schallkoerper Fotografie

… und für die Fotografen natürlich auch. 🙂

Kommt ihr miteinander aus?
Um das Eis zu brechen, kann ein Portraitshooting sehr hilfreich sein. Einige Modelle sehen solche Shootings auch als Voraussetzung vor einem Aktshooting. Portrait-Sessions kurz vor den eigentlichen Aktaufnahmen eignen sich in manchen Fällen ebenfalls prima zum „Aufwärmen“.

Empathie und Feingefühl
Sei einfühlsam und respektvoll, verstehe den Frauenkörper als etwas völlig Natürliches. Modelle sind auch nur Menschen; hin und wieder kann es etwas unangenehm sein, mit Komplimenten regelrecht überschüttet zu werden.

Nicht anfassen
Bei manchen Posen kann das Model sich nicht selbst eine störende Strähne von der Schulter tüdeln. Frage bitte vorher nach, ob du das kurz erledigen darfst.

Zwischenergebnisse zeigen
Zeige hin und wieder die Fotos auf der Kamera und frage das Model, ob sie sich mit den Bildern wohlfühlt. Vielleicht fällt ihr etwas auf, das sie ändern möchte.

Das Technik-Gesicht 
Versuche, unglückliche Formulierungen wie „nee, das sieht so nicht gut aus“ zu vermeiden. Dazu gehört auch das Technik-Gesicht, das in Form eines kopfschüttelnden Fotografen oder einer „Gefällt mir gar nicht“-Feststellung auftreten kann. Solche Aussagen und Mimiken können schnell zur Verunsicherung führen und im schlimmsten Fall zweifelt das Model an sich selbst.

… für beide gilt:

Ziele setzen und offen kommunizieren
Sprecht ab, was ihr umsetzen wollt und wo eure jeweiligen Grenzen liegen, damit es später nicht zu unangenehmen Überraschungen kommt.

Ich bin Aktmodell
(c) 2016 Simon Rüthschilling
Nackte Frauen fotografieren kann doch jeder, oder?

Du merkst sicher, dass viele Punkte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sind. Doch manchmal obliegt bei Aktaufnahmen auch die Unsicherheit oder Nervosität, sodass man etwas aus den Augen verlieren kann und sich dadurch in seiner Kreativität einschränken lässt. Und vielleicht bringen dich meine (gar nicht so wilden) Erfahrungen mit Aktaufnahmen diesem Bereich etwas näher. Irgendwann sind sie vielleicht sogar nur „besondere Routine“. Nackte Frauen fotografieren kann schließlich jeder. Ästhetische Bildwelten von unbekleideten Menschen mit ihren besonderen Facetten erschaffen, eher nicht.

Bist du auf der Suche nach Inspiration?

Dann kann ich dir noch folgende Fotografinnen und Fotografen ans Herz legen:

Kim Höhnle

Simon Kubald

Martin Neuhof

Mateusz Hajman

Peter Lindbergh

Ronan Budec Vielleicht fallen dir noch KünstlerInnen oder sogar Tipps ein, die man unbedingt kennen sollte? Dann freue ich mich über deinen Kommentar.

 

Hier findest du weitere Bildstrecken und Erfahrungen zum Thema Akt:

Lichterglanz & Schattentänze

Waldgeflüster

Ohne Titel | Astrid Schulz

Das Zimmer

Lisa at Home & Das Trägerkleid

 

Ich bin Aktmodell
(c) 2016 Schallkoerper Fotografie
Ich bin Aktmodell
(c) 2016 Jan Nietzsche[spacer height="20px"]
Ich bin Aktmodell
(c) 2017 Astrid Schulz
Ich bin Aktmodell
(c) 2016 Schallkoerper Fotografie

 

Beitragsbild: Schallkoerper Fotografie

*Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass es hier um meine Erfahrungen und Eindrücke als Aktmodell geht. Für Kundinnen oder Kunden gelten natürlich ein paar andere Voraussetzungen, da sie meistens keine Routine oder Erfahrung vor der Kamera haben müssen.

Du magst vielleicht auch

15 Kommentare

  1. Ich hab es aus zeitlichen Gründen gerade nur überflogen und muss mir deinen Beitrag unbedingt demnächst in Ruhe durchlesen. Soweit schon mal: Danke und sehr gut. Als passionierter Aktfotograf mit dem Hang, keine 08-15 Nackedeifotos zu machen, freue ich mich über diese Gedanken.

    Viele Grüße Steffen

  2. Hallo Lizzy,
    das ist echt ein schöner Beitrag!
    Ich persönlich finde es total bewundernswert, den Mut zu haben sich so zu zeigen wie man ist, also nackt. Gerade in einer Welt wo man als Frau mit vielen NoGos was den eigenen Körper, aber auch das gesselschaftliche Verhalten betrifft, ständig zu kämpfen hat. Ich finde deine Fotos im Beitrag übrigens sehr schön 🙂
    Alles Liebe, Natalia

    1. Danke, Natalia! Du hast Recht, sowohl wir Frauen als auch Männer erfahren durch Medien oder gesellschaftlichen Umgang in einigen Fällen einen gewissen Druck, möglichst „optimiert“ oder gar äußerlich perfekt zu sein. Dabei ist es so viel wichtiger, etwas ausschließlich für sich selbst ändern zu wollen. 🙂 Liebe Grüße!

  3. Ich finde es sehr selbstbewusst von dir, dass du auch auf deinem Blog so offen darüber redest! An sich sind Aktfotos ja auch absolut nichts schlimmes, eigentlich eher etwas gutes. Sie zeugen von einem positiven Körpergefühl, dass sich ja doch jeder wünscht!
    Ich selbst würde es allerdings nicht gut finden Aktfotos von mir zu machen, allerdings auch größtenteils aus dem Grund, dass ich Lehrerin werde. Zwar in der Erwachsenenbildung, aber auch da sollen meine Schüler mich nicht unbedingt nackt im Internet bewundern…
    Liebe Grüße,
    Leni 🙂
    http://www.sinnessuche.de

    1. Es tut wirklich gut, so viel Positives zu hören. Danke, Leni. 🙂 Ja, Lehrerin ist genau ein solcher Beruf, der da gern Probleme verursacht – ich würde es nicht anders machen. Zu schnell wird irgendwas verdreht oder getuschelt. Aber am Ende liegen sie alle oberkörperfrei am Strand. 🙂 Es muss ja auch nicht immer gleich alles online gestellt werden und manchmal macht sich ein schönes Bild ja auch einfach in der eigenen Wohnung besser. 🙂
      Liebste Grüße an dich!

  4. Hallo Lizzy,

    ich finde den Beitrag richtig toll!
    Obwohl mein Vater früher sehr viele Aktbilder gezeichnet und gemalt hat, hätte ich nicht das Selbstbewusstsein alle Hüllen fallen zu lassen. Dennoch finde ich Fotografie und gerade Aktfotos oft wunderschön und ästhetisch und nur ganz selten anzüglich.
    Ich finde deinen Umgang und deine Offenheit mit dem Thema wirklich fantastisch. Die Fotos von dir sind auch extrem schön. Die im Wald finde ich besonders gut gelungen, es hat etwas Magisches und Nymphenhaftes!
    Auf jeden Fall ein interessantes Thema über das ich bisher noch auf keinem anderen Blog gelesen habe.

    Viele liebe Grüße,
    Babsi

    1. Hey Babsi,

      danke schön für die lieben Worte! 🙂 Ich hoffe, dass der Beitrag einem Menschen, mit etwas stiefmütterlichen Ansätzen zur Aktfotografie, ein wenig die Augen öffnen kann. Dass das alles eigentlich gar nicht so wild ist und man jemanden nicht gleich vorschnell verurteilt und irgendwie abstempelt. 🙂 Zum Glück musste ich diese Erfahrung noch nie bewusst machen. Am schlimmsten sind sowieso Männer (in meinem Fall), die mir für „irgendwas“ Geld bieten. Einige scheinen Modelle mit Prostitution zu verwechseln. 😀

  5. Ein sehr interessanter Beitrag.
    Ja, das Nacktsein hat etwas sehr privates. Und damit sollte jeder umgehen wie er will. Für mich würde es auch nicht infrage kommen, solche Fotos ins Internet zu stellen. Ja, sie sind Ästhetisch, was ich auch immer sehr wichtig finde! Man muss sich mit dem Fotografen auch wohlfühlen und darauf vertrauen können, dass er dich so gut wie möglich ablichten will und auf deine Wünsche eingeht. Sehr gut möglich ist das bei Lisa Hennig Photography. Sie ist meine Favoritin dabei, wahrschienlich, weil ich sie persönlich auch sehr gut kenne. Sie hat eine etwas andere STilrichtung, die ich sehr liebe.

    Einen Follow hast du von mir aufjedenfall. Bin gespannt, auf weitere Einträge von dir.

    xoxo

    1. Da stimme ich dir zu, der Wohlfühlfaktor muss total stimmen. Für Kundinnen ist ein Shooting ein besonderes Luxus-Erlebnis, das man sich mal gönnt.

      Hin und wieder sehe ich in Schaufenstern von Fotostudios (für mich persönlich) so unästhetische Erotik (manchmal wünschen Kunden eher Erotisches), dass ich mich frage, wer denn dort so ein Shooting machen möchte. Es scheint mir, als wenn viele Fotografen in typischen Fotostudios nach einiger Zeit verlernen, ihr Können kreativ einzusetzen, weil sie in ihrem Beruf alles nach einem bestimmten Schema abarbeiten. Dazu kommt dann noch die Laufkundschaft von Passbildern und Bewerbungsbildern.

      Oftmals habe ich den Eindruck, dass viele Foto-Interessierte einfach nur „weniger gute“ Bilder kennen und ihre Ansprüche schnell zufriedengestellt werden. Dabei geht es so viel besser.
      Und aus diesem Grund freue ich mich, dass du eine so fähige und kreative Fotografin wie Lisa kennst! 🙂

      Liebst,
      Lizzy

      P.S.: Ich musste auf deinem Blog sehr darüber lachen, dass du fette Tiere liebst. Find‘ ich gut.

  6. Wow, was ein toller Beitrag!
    Ich selbst fühle mich viel zu unfotogen um zu modeln, aber ich wette hier sind wertvolle Tipps dabei.

    Ich finde es auch schade, dass der nackte Körper auch heute noch am besten gar nicht thematisiert wird. Dabei liegt darin absolute Ästhetik, meiner Meinung nach.

    Ich habe ein paar Freunden mal Aktzeichnungen gezeigt, die ich mit Fotovorlagen erstellt habe um die Anatomie zu lernen. Selbst dazu kamen Kommentare nach dem Motto „unanständig!“

    Liebste Grüße
    Celine von The Printrovert

    1. Herzlichen Dank, liebe Celine. 🙂

      Wow, bei Aktzeichnungen finde ich solche Aussagen ganz schön heftig. Zumal man Jahre mit Aktstudien von verschiedenen Körpern verbringen kann. Dabei dachte ich, dass die Leute mittlerweile viel offener werden, aber das kommt sicher auch auf’s Umfeld an.

      Bei mir an der Hochschule befinden sich auch hin und wieder Aktmodelle für Körperstudien, eine Person hat sich einmal nackt in das Café gesetzt und sich einen Kaffee bestellt. Okay, ein Bademantel wäre auch nicht übel gewesen, aber es war dann halt nur eine „huch, der ist ja nackt“-Reaktion und gut ist.
      Nackt muss schließlich nicht immer gleich Sexualisierung bedeuten.

      Und übrigens: Ich dachte auch immer, ich sei nicht fotogen, bis ich dann meine ersten Fotos bekam. Und jede*r gute Fotograf*in kann auch tolle Fotos von jeder Person machen – zumindest sehe ich das so. 🙂

      Liebste Grüße aus Bremen,
      Lizzy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.